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2016 

Hier einige beispielhafte Aufsätze der Preisträger des Wettbewerbes "Interpretiere Kunst - Schrift wird zum Bild". Die Schüler konnten sich wahlweise von den Werken von drei Künstlern aus Deutschland, Japan und Nordafrika inspirieren lassen : Georg Baselitz, Morita Shiryu und Khaled Al Saai.

Befragungen von Teilnehmern früherer Schreibwettbewerbe zeigen, dass sich Schüler darüber bewusst sind, dass man intensiver nachdenkt bevor man losschreibt und das Ergebnis daher strukturierter ist. Weniger bewusst sind sich die Teilnehmer darüber, dass das Schreiben mit der Hand auch eine individuellere Form der Kommunikation darstellt.

Gerade deshalb wurde das Thema der abstrakten Kunst gewählt. Der Künstler sucht Wege sich auch ohne Text, den man lesen kann, zu vermitteln. Die modernen Kunstwerke, mit denen die Schüler konfrontiert wurden, transportieren keinen eindeutigen Sinn, sondern gewinnen bei jeder Interpretation eine eigene Bedeutung.

Die von uns ausgewählten abstrakten Bilder basieren auf dieser Mehrdeutigkeit. So sieht jeder etwas Anderes darin - damit entsteht viel Freiraum für die Phantasie des Einzelnen. Genau dieses Phänomen gilt es auch beim Schreiben mit der Hand zu entdecken, denn Handschrift vermittelt nicht nur die abstrakte Information, sondern durch die individuelle Ästhetik des Schreibenden auch emotionale Aspekte.

Alle prämierten Aufsätze können Sie im begleitenden Buch nachlesen, das Sie hier bestellen können:
 

  Publikationen

 


Georg Baselitz - Abgarkopf

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix Wilhelm Wahl, Ea

Leibnizschule, Gymnasium


Schreiben ist Aktion

Es hatte sich seit Jahren nicht bewegt. Das Gemälde hing nun schon seit Jahren in einem Museum in Frankfurt. Jeden tag kamen hunderte Besucher, um sich das Bild anzusehen und zu verstehen. Es waren Kinder, Erwachsene, Greise und Kunststudenten aus aller Welt, die den langen Weg nach Frankfurt antraten, um es sich anzusehen und zu versuchen, es zu verstehen.

Seit Jahren schon zog es viel Aufmerksamkeit auf sich und machte aus seinem Schöpfer einen berühmten Mann. Beinahe ganz Europa hatte das Gemälde schon bereist und es wurde immer wieder neu ausgestellt, doch keiner konnte es verstehen. Mehrere hundert 

Professoren sahen sich das Gemälde bereits an, um den Sinn zu finden. Es war ein Geheimnis, das ein jeder versuchte zu lüften.

Das Gemälde sorgte mit seinem Geheimnis für so viel Aufmerksamkeit, wie es die Kunst des Malens seit Jahrhunderten nicht mehr erfahren hatte. Es war überall. In sozialen Netzwerken, im Fern-sehen und auch in der Presse. Jeder wollte es sein, der die Bedeutung des Bildes entschlüsselt und mit jeder neuen Theorie wurde das Thema noch brisanter.


Es gab unzählige Theorien über Georg Baselitz’ Meisterwerk und sie deckten Themenbereiche von der Entstehungsgeschichte bis zum Weltuntergang ab. Einige behaupteten, es habe gar keine Bedeutung, oder dass nicht einmal der Künstler selber sie kenne. Die Jahre vergingen und mit ihnen das Interesse am Gemälde.

Noch immer war die Bedeutung nicht geklärt, doch nach Jahren des vergeblichen Suchens nach einer Bedeutung verlor die Öffentlichkeit das Interesse. Es hing immer noch am selben Platz im selben Museum, doch die staunenden Massen waren weg. Immer mal wieder tauchten vereinzelte Menschen auf, die nicht aufgegeben hatten, den Sinn des Bildes zu entschlüsseln. Doch mit der Zeit verloren auch die ihr Interesse. Aus weltweiter Attraktion wurde ein beinahe vergessener Mythos. Beinahe 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Bildes wurde von Georg Baselitz im Museum in Frankfurt eine Pressekonferenz einberufen. Er wollte nach all den Jahren das Geheimnis lüften. Ein letztes Mal kamen Leute aus aller Welt nach Frankfurt, um mitzuerleben, wie die Bedeutung enthüllt wird. Vor hunderten von Kameras begann Georg Baselitz zu erzählen. Das Bild habe keine Bedeutung. Der Sinn des 

Bildes sei gewesen, zu zeigen, dass alles vergänglich ist. Egal wie brisant ein Thema ist, die Zeit wird am Ende die Oberhand haben und alles wird in Vergessenheit geraten. Alles ist vergänglich.


Morita Shiryu - Mu (Nichts)

 

 

 

 

 

 

 

 

Luana Celentani, E7

Martin-Niemöller-Schule

Oberstufengymnasium


Schreiben ist Bewegung

Es ist ein Tag wie jeder andere in Tokio. Die Stadt pulsiert. Tausende und abertausende Autos fahren über die Straßen. Befördern Leute von A nach B. Straßenbahnen folgen ihren Routen und in einer dunklen Seitenstraße huscht eine Katze hinter eine Mülltonne. Die Luft ist erfüllt von Abgasen und den Stimmen der Leute. Von oben betrachtet sehen sie aus wie kleine Ameisen, die durch die Stadt wuseln. Hier und da unterbrechen Parks das Grau der Stadt wie Seerosenblätter auf einem Teich aus Beton. Am Horizont verschwimmt das Grau der Bauten mit der verdreckten Luft.

Manchmal hat man das Gefühl, man könne nicht mehr atmen. Als drücke die Stadt einem das letzte bisschen Luft aus den Lungen und dennoch hat man sich nie so lebendig gefühlt wie im stetig pulsierenden Herzen Japans. Von den Dächern der Stadt kann man sehen, wie die Sonne langsam hinter den Wolkenkratzern verschwindet und alles in ein sanftes Rotorange taucht. Und dort geht sie über die Straße, auf dem Weg nach Hause zu ihrem kleinen Apartment. Es ist nicht viel, aber alles, was sie sich nach einem langen Tag Arbeit leisten kann. Sie wartet auf ihre Straßenbahn. Diese ist, wie um die Zeit üblich, mal wieder randvoll. 


Kinder, Männer in schicken Anzügen mit Aktenkoffern, eine alte Frau, die ihre Einkäufe nach Hause bringt. So viele verschiedene Menschen und dennoch eins als große Masse. Ihre Stimmen verschwimmen zusammen zu einem Chor, der dem Surren eines wütenden Bienenstocks gleicht. Ihre verschiedenen Farben, die in der Masse doch vergrauen und sich kaum noch vom Rest der Stadt unterscheiden.

Sie steigt an ihrer üblichen Haltestelle aus und läuft unter der Brücke durch, vorbei am kleinen Kiosk an der Straßenecke. Sie blickt ihren Gebäudekomplex hinauf. Grau, Grau auf Grau wie alles in dieser Stadt. Auf dem Boden vor ihr liegen Reste der Zeitung von gestern. Sie schließt die Tür auf und wird von den üblichen Gerüchen und Geräuschen empfangen. Ein Kind weint, ein Hund bellt und das Paar im 2. Stock streitet mal wieder. Dazu der Geruch von frisch gekochtem Reis, Sahne und abgestandenem Zigarettenrauch.

Sie betritt ihr Apartment. Vor ihr liegt ihre Wohnküche mit der alten Küchenzeile ihrer Mutter und eine Matratze mit ein paar Kissen, die ihr als Bett dienen. Eines Tages wird sie es hier raus schaffen. In eine der großen, hellen Wohnungen in der Stadtmitte, mit Blick auf einen Park. Sie blickt aus dem Fenster, hinaus auf die Straße, auf die flackernden Neonreklamen, die mit der Stadt erwachen. Die Lichter der Stadt, die wie Sterne am Himmel funkeln und gegen das Dunkel der Nacht ankämpfen, das sich ausbreitet wie Tinte auf Pergament.


Khaled Al Saai - as Tor zum Paradies

 

 

 

 

 

 

 

 

Aisha Aurora, E1

Martin-Niemöller-Schule

Oberstufengymnasium


Schreiben macht Spaß

Ich trete in einen Raum voller Gesichter, zugehörig zu Menschen, welche ich nicht zu identifizieren weiß. Es ist ein überwältigendes Gefühl. Eins, was ich nicht zu deuten weiß.

Ich fühle mich überfallen. Überfallen von den hunderten

Augenpaaren, welche unter ihren Masken hervorblickten. Traurig

blickende Augen, fröhlich blickende Augen und düstere Augen. Augen, in welchen man sich verlieren kann. Augen, welche wegschauen.

Doch ist all das nicht zu oberflächlich? Menschen nach diesem Schein zu betrachten, ohne wirklich zu wissen, was dahinter steckt? Ohne zu wissen, was hinter dieser Maske auf einen wartet?

Wie soll ich einer maskierten Gesellschaft mein Vertrauen schenken, wenn sich alle hinter ihrer Fassade zu verstecken gedenken?

In diesem Raum wird jeder von uns unterdrückt. Unterdrückt von dem Gedanken der gesamten Gesellschaft, nicht sein eigenes Ich entfalten zu dürfen.

Durch die Wand einer Maske, welche Abstand zwischen einem selbst und der Realität der Außenwelt hervorruft, schafft es jeder ein Lächeln mit sich durch die Welt zu tragen. Aber wie sieht es unter dieser Maske aus? Würde man auch ohne sie ein Lächeln tragen, egal wem man gegenüber steht? Ich denke nicht, dass dem so wäre.


Ich laufe weiter durch den Raum. Durch die Massen von Anonymitäten in meinem Leben. Der Raum ist groß und rundherum verglast. Einmal durch den Raum durchgelaufen komme ich an einer der großen Glasfronten an. Ich möchte hinaus gucken, doch es wird mir verweigert. Was mir entgegenschaut, sind die Spiegelungen der Masken.

Alle weiterhin genauso geheimnisvoll wie bisher. Doch eins ist neu. Ich sehe nicht nur, was ich bis jetzt beobachtet habe. Zum ersten Mal sehe ich eine neue Gestalt. Eine neue Maske.

Mich.

Mein eigenes Augenpaar guckt mir entgegen. Es sind Augen, welche ich zwar ganz genau mir selbst zuzuweisen weiß, mich aber oberflächlich genau so ins Dunkle führen, wie alle anderen im Raum. Ich unterscheide mich kein bisschen von all diesen anderen.

Wenn ich keinem aufgrund der gebauten Fassaden vertrauen kann: Wie kann ich dann Vertrauen mir gegenüber erwarten?

Ich drehe mich um.

Ich stehe der Menge gegenüber.

Ich ziehe meine Maske ab.

Und das erste Mal sind all diese fremden Augenpaare auf mich gerichtet.