Presse


Die Presse schreibt...

02.06.2013 Welt am Sonntag

Sorry, kein Chinesisch. Aber Italienisch geht gut. Und wenn man Glück hat, steht auf dem Vaporetto „La grazia di un gesto“, was so viel heißen könnte wie „steig ein, man bringt dich auf eine touristenfreie Insel weit draußen in der Lagune“.

Selten hat man den amerikanischen Wortbildhauer Lawrence Weiner so heiter, so entspannt, so poetisch erlebt. Jahrelang stand man vor seinen trockenen Sätzen ohne Verb, die er an Galerie- oder Hauswände zu schreiben pflegt, und hat sich vom kantigen Normalstil und dem geradlinigen Layout der Buchstaben und Worte in irgendwelche Denk- und Empfindungsräume locken lassen. Und nun biegt sich die Schrift plötzlich, als wagte sie einen kleinen Sprung. Und unter den Lettern saust eine Linie entlang und macht am Ende kehrt und verliert sich im Leeren. Und die „Grazie einer Geste“ wartet nicht mehr darauf, dass wir uns was Nettes vorstellen. Sie illustriert sich gleichsam selber. Das bewegte Schriftbild ist schon ein Teil, ein Anfang der grazilen Geste, die aufgerufen wird.

Nun ist es freilich nicht so, dass die optisch karge Wortkunst in einem verregneten venezianischen Frühsommer plötzlich weich geworden wäre. Auch die „Grazie einer Geste“ ist nicht ohne Hinterlist. Denn es sind nur fünf Boote beschrieben.

Die Chance, in den Genuss der freundlichen Vorstellungsaufforderung zu kommen, ist also nicht groß. Es sei denn, man besucht den Palazzo Bembo in der Nähe der Rialto-Brücke, wo die „Written Art Foundation“ dem bereits 2010 entstandenen Projekt die Form einer Ausstellung gegeben hat.

Hinzu kommt, dass die zehn Sprachen, in die „die Grazie einer Geste“ veranschaulicht ist, gerne in heiklen Paaren auftreten. Auf der einen Bootsseite Arabisch, auf der anderen Hebräisch, auf der einen Chinesisch, auf der anderen Japanisch. Da man aber vom Kanalufer aus immer nur die Bordseite in Fahrtrichtung sehen und lesen kann, halten die zweisprachig bemalten Schiffe die Fronten glücklich auseinander. Und wenn das Grazien-Vaporetto auch nur zum überfüllten Biennale-Gelände durchs brackige Wasser pflügt und keine touristenfreie Insel weit draußen in der Lagune ansteuert, dann hat man auf der langen Fahrt doch viel schaukelnde Gelegenheit, dem animierenden Schwung einer kleinen Wortgeste nachzusinnen.

WELT AM SONNTAG

2. Juni 2013

Hans-Joachim Müller